:: Reiseberichte ::

Übrigens…
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Kameltrekking im Erg Oriental – Erlebnisse eine “Wüsten-Einsteigers” – von Rainer Mesch

„Eine der freudigsten Augenblicke im menschlichen Leben ist für mich der Aufbruch zu einer weiten Reise in unbekannte Länder. Wenn man mit einer gewaltigen Kraftanstrengung die Fesseln der Gewohnheit abschüttelt, das bleierne Gewicht der Routine, die Sorgen, die sich wie ein Mantel um einen gelegt haben, und die Sklaverei des eigenen Heimes, fühlt man sich endlich wieder glücklich. Das Blut strömt unbändig wie in der Kindheit.“

Sir Richard Francis Burton (Weltreisender, Schriftsteller 1821-1890)
Reisevorbereitungen

Irgendwann taucht sie plötzlich auf, die Angstfrage, und beunruhigt den weiteren Gedankenfluss: Muss ich mich gar um ein Schlangenserum kümmern ? Immerhin habe ich zum ersten Male in meinem Leben vor, einige Tage schutzlos in der Wüste zu verbringen und da muss man doch auch Vorsichtsmassnahmen treffen, oder ? Freunde und Arbeitskollegen fällt zu der geplanten Reise immer nur die Bemerkung „da gibt’s doch Schlangen und Skorpione“ ein und das verunsichert dann doch ein bisschen. Der Blick ins Fachbuch beruhigt erst einmal: Der Biss einer Sandviper verläuft zwar im unbehandelten Zustand mit grosser Sicherheit tödlich, dieses Tier ist aber mit hoher Wahrscheinlichkeit erst ab April anzutreffen. Und die eigene Reise soll ja schon Anfang Februar losgehen und nach Südtunesien führen, dorthin, wo die wunderbaren und unvergesslichen Bilder des Films „Der englische Patient“ entstanden sind. Da ist also kein Schlangenserum nötig und schliesslich hat man ja die abgeschlossene „Rundumsorglos-Versicherung“ (allein dieser Begriff beruhigt ungemein…) und sein Handy. Handy in der Wüste ? O nein, das kann man vergessen, da gibt’s ja (glücklicherweise!) keine Sendemasten. Okay, notfalls lässt sich ja mit einer Kreditkarte alles regeln. Aber: was kann ich letztendlich mit einer Kreditkarte in der Wüste anfangen…? Die bleibt zu Hause, genauso wie der Schlüsselbund, man könnte ihn im Sand erlieren.

Angesichts der wirklich empfohlenen Utensilien ist erst einmal ein Grosseinkauf in einem Drogeriemarkt bzw. einer Apotheke erforderlich, der mir bisher unbekannte Dinge zu Tage fördert, wie Micropur-Entkeimungsabletten (für das Trinkwasser) und Hirschtalg (für den geplagten Hintern). Schnell noch neue Trekkingschuhe kaufen und es kann losgehen…
Ankunft auf Djerba

Der erste Eindruck ist ernüchternd. Da fliegt man im Winter bei strahlend blauen Himmel und mit ersten Frühlingsgefühlen ab, landet auf der Sonneninsel Djerba – und es regnet. Die dortigen 13 Grad fühlen sich irgendwie viel kälter an als zu Hause. Ein angenehmes kleines Hotel in der Inselhauptstadt erleichtert den Einstieg in die arabische Welt. Abends trifft man dann erstmals die anderen Teilnehmer dieser ungewöhnlichen Expedition und geht miteinander gemeinsam essen. Aufatmen nach dem ersten Eindruck: Hier sind keine erlebnishungrigen Extremsportler, komplizierte Esoteriker oder Wüstenschickeria-Typen unterwegs, sondern „Normalos“, also Menschen wie Du und ich. Menschen, die man im Laufe der nächsten Tage in ihrer Individualität näher kennen lernen und schätzen lernen wird. Von denen man sich am Ende der Tour schon fast gerührt verabschieden und mit einigen von ihnen ein festes Wiedersehen vereinbaren wird. Anfangs verläuft die Kommunikation naturgemäss noch etwas zäh (und für einem Deutschen fehlen zum Verständnis der überwiegend von Schweizern dominierten Truppe häufig die „Untertitel“), aber die gemeinsamen Tage in der Wüste werden einander verbinden. Das verblüffende sei vorweg verraten: In der Wüste ist jeder nur noch mit sich und seinem Kamel beschäftigt oder meist allein, weder das einzige Ehepaar klebt aneinander noch die 19jährige Tochter an ihrer Mutter. Der Altersunterschied zwischen den Teilnehmern (die ältesten sind an die 65) verwirrt erst einmal, befruchtet aber im Lauf der Zeit: Was die „Jungen“ an Überschwang und Erzählfreude mitbringen, gleichen die „Alten“ an Wissen und ausgestrahlter Ruhe aus. Und wenn man sich später abends zum Lager niederlässt, sucht sich jeder eh sein abgeschiedenes Plätzchen, die Wüste bietet viel Raum für alle.
Es kann losgehen – die Kamele erwarten uns

Nachdem wir am zweiten Tag in aller Frühe aufgebrochen sind, geht’s erst einmal in einer längeren Fahrt per Jeep zu eine bei Bus-Touristen wohl nur allzu bekannten Oasen-Treff (Ksar Ghilane) in der Wüste, wo etwas abseits unsere Kamele und die Versorgungscrew auf uns warten. Vorher haben wir uns alle mit dem traditionellen farbenfrohen Schesch eingedeckt. Was im ersten Moment wie eine Art Faschingsverkleidung wirkt, soll sich in den nächsten Tagen als höchst nützlicher Kopf- und Mundschutz erweisen. Spontan darf sich jeder „sein“ Kamel aussuchen, einige bleiben ohnehin als reine Lasttiere übrig. Ein ganz junges Kamel trabt künftig unbeladen nebenher und soll seine ersten Erfahrungen durch die Begleitung der Karawane sammeln. Wie allgemein bekannt, stehen Kamele mit beiden Vorderfüssen zuerst auf und für den Reiter bedeutet das, sich mit beiden Händen gut am Sattel festzuhalten. Wem das noch neu ist, der stösst schon mal Schreckensschreie aus. Die Kamele werden in kleinen Gruppen aneinander gebunden, jede kleine Einheit wird von einem Kameltreiber geleitet. Und dann wird man hinaus geführt in diese endlose Sandlandschaft, die in den nächsten Tagen zum gewohnten Alltag werden wird. In eine Welt ohne Autos, Strassen, Häuser, Restaurants und Souvenirläden, in der man tags zuvor noch gelebt hat. Es gibt bald nur noch Landschaft pur, sonst nichts. Der Kopf registriert das ziemlich schnell, aber es dauert einige Zeit, bis das Gefühl mitzieht. Es mag Menschen geben, die sich in solch einer Landschaft verloren vorkommen, in dieser Einsamkeit aus Sand, Stein und Wind. In der Gruppe erlebt das aber keiner so. Man fühlt sich alsbald seltsam aufgehoben in dieser Landschaft. Sassi, der Führer unserer Truppe, war selbst als Kind Nomade und kennt jede Stelle unserer Route sehr genau. Beim gestrigen Empfang in der Inselhauptstadt Djerbas wirkte er etwas angespannt, klagte über die für ihn ungewohnte Hektik des Stadtlebens. Sobald wir in der Wüste sind, fällt sichtlich der Druck von ihm ab. Hier ist sein Zuhause, hier haben sich Jahrzehnte seines Lebens abgespielt.
Die erste Nacht in der Wüste

Nach zwei Stunden erster Reit-Erfahrung wird abgestiegen und bereits das erste Nachtlager bereitet. Rein gefühlsmässig müsste es eigentlich noch früher Nachmittag sein. Reflexhaft schaut man auf die Uhr. Doch die gibt es nicht mehr, sie ist irgendwo in den Untiefen des Rucksacks verschwunden (denn wozu braucht man eine Uhr in der Wüste, siehe oben). Während unsere Begleiter das grosse Nomadenzelt aufbauen und Holz fürs Lagerfeuer sammeln, bleibt Zeit für erste Streifzüge. Wir kampieren in einem Dünengebiet und die Schönheit dieser Wüstenformation ergreift ziemlich schnell von einem Besitz. Intuitiv trifft man für die weitere Reise eine Entscheidung: Entweder man versucht sehr viel von dieser Landschaft für die spätere Erinnerung festzuhalten oder man verzichtet ganz aufs Fotografieren und lässt einfach alles nur auf sich wirken. Zum Beispiel das stets aufs neue unterschiedliche Formenspiel der Wellen auf den Dünen, die allmählich mit der Dämmerung eintretenden Farbveränderungen des Sandes, den fantastisch rot gefärbten Sonnenuntergang.

Irgendwann wird es Zeit zum Lager zurückzukehren, dort glimmt bereits ein Lagerfeuer zur Zubereitung des Abendessens. Jeder bekommt einen tiefen Teller, einen Löffel und einen Becher ausgehändigt. Das ist sein Geschirr für die nächsten Tage. Ein Spülmittel ist nicht nötig. Man füllt den Teller einfach mit Sand und reibt diesen wieder weg. So einfach geht das.

Der Koch zaubert ein Couscous und das schmeckt in der Wüste doppelt so gut wie zu Hause.

Die nächste Entscheidung steht an: Wer nächtigt im grossen Nomadenzelt, wer im kleinen Einzelzelt und wer gleich in der freien Natur ? Für bereits erfahrene Wüstenfüchse ist dies keine Frage, sie wollen den klaren Sternenhimmel und den Sonnenaufgang über der Wüste erleben und packen schon mal ihre Sachen aus. Aber in der Wüste soll es ja nachts doch etwas kälter werden, also vielleicht doch lieber ins warme und kuschelige Nomadenzelt ? Beim näheren Hinschauen wird allerdings schnell klar, dass es sich hierbei nicht um ein geschlossenes grosses „Familienzelt“ handelt, sondern um ein zur Längsseite hin völlig offenes Gebilde, das wohl eher als Windschutz fungiert denn als Wärmespeicher. Trotzdem ist es den Versuch wert, denn in so was nächtigt man ja nicht alle Tage. Also mummelt man sich in alles mögliche ein und vertraut auf die Herstellerangaben seines Schlafsacks zur Wohlfühltemperatur. Und dann versucht man einzuschlafen. Es geht irgendwie nicht, die Lage will nicht passen, man ist noch im Gedanken. Die erste Nacht in der Wüste wird für viele die längste ihres Lebens, denn es fällt verdammt schwer, entspannt einzuschlafen. Und es wird wohl auch die kälteste Nacht, die man bisher erlebt hat. Aber alles einkuscheln hilft wenig, irgendwann wird das allmählich einsetzende Frösteln übermächtig. Die letzten beiden Stunden vor dem Sonnenaufgang sollen ja die kältesten sein. Ist das jetzt eigentlich schon so weit oder ist es bloss erst kurz nach Mitternacht? Was spricht die Uhr? Verdammt, die ist ja irgendwo im Rucksack. Jetzt rausgehen und sie holen? Vollkommen unmöglich, dann holt man sich am Ende noch eine Lungenentzündung in der Wüste. Also abwarten, bis es irgendwann heller wird. Warten, schauen, warten, schauen, warten… Dabei ist man so müde und möchte eigentlich schlafen. Irgendwann scheint das auch gelungen zu sein und draussen wird es allmählich hell. Unsere Begleiter haben bereits ein neues Lagerfeuer errichtet. So nach und nach stellen sich alle hinzu. Schweigen. Jeder fröstelt erst mal vor sich hin. Noch schlaftrunken vernimmt man dann die ersten Wortfetzen: „Fotografiere doch mal meinen Schlafsack mit dem Rauhreif drauf“, bittet eine junge Frau ihre Begleiterin. „Rauhreif „???!! O Gott. Den hatten wir doch zu Hause. Ich wollte doch bewusst in die warme Wüste und nicht zum Skifahren. Wo soll das alles enden…? Wie viele Nächte dieser Art lassen sich als normaler Mitteleuropäer überleben?
Der erste Tag in der Wüste

Doch zunächst einmal ist Wüstenfrühstück angesagt. Natürlich ohne Orangensaft und Frühstücksei, aber immerhin gibt’s (Dreiecks-) Streichkäse und Feigenmarmelade (aus der Dose). Das Brot wird frisch zubereitet: den gekneteten Mehlteig erwärmt man am Feuer und verbuddelt ihn danach einige Zeit im Wüstensand, damit er richtig aufgeht. Schmeckt ausgezeichnet. Nun weiss man auch, wofür man in der Wüste sein Taschenmesser benötigt.

(Im Laufe der Woche wird einem auch noch klar werden, woher das Wort „Sandwich“ tatsächlich kommt, denn das Essensgewürz der Wüste ist nicht Salz und Pfeffer).

Kaum ist der Bauch gefüllt, lässt sich auch schon die Sonne blicken. Als die Karawane aufbricht, spürt man deutlich die ersten Wärmewonnen. Und in der Mittagspause ist es dann so heiss, dass man es ohne Schatten nicht allzu lange aushält. Das versöhnt mit der vorausgegangenen Nacht. Die kommt einem plötzlich so unwirklich vor. Der erste volle Tag in der Wüste. Was macht man da eigentlich so? Es gibt zwei Alternativen: entweder Reiten und Schauen oder Laufen und Schauen. Immer wieder mal Fotografieren und wieder Schauen. Und immer wieder Staunen. Wüste – das ist so eine uneinheitliche Landschaft voller Kontraste. Genauso wie es unterschiedliche Gebirgsformationen gibt, gibt es nicht einfach die Wüste. Man kennt von Postkarten die Sanddünenlandschaft, aber es gibt auch die flache Wüste voller Grünbewuchs und die Steinwüste, „Hoch-Plateaus“ und „Täler“ und es gibt die grosse öde leere Fläche. Doch selbst die besitzt wesentlich mehr Schauwert als eine zubetonierte Fussgängerzone einer deutschen Grossstadt. Man sieht zu dieser Jahreszeit leider wenig Tiere. Am meisten noch Vögel. Vielleicht mal einen Schmetterling oder eine kleine Echse, einige Käferarten. Für die anderen scheint es einfach noch zu kalt zu sein. Die Hoffnung, eine Antilope zu sehen oder einen Wüstenfuchs, zumindest ein paar Wüstenspringmäuse, erfüllt sich leider nicht. Eine Teilnehmerin entdeckt am Morgen unter ihrer Schlafmatte tatsächlich einen kleinen Skorpion. Welch Fund, immerhin ist der giftig ! Leider rennt das verängstigte Tier rasch davon, bevor es alle in Augenschein nehmen können. Eine Schlange wird nirgendwo gesichtet (im nachhinein betrachtet richtig schade). Die „Vegetation“ schaut auf den ersten Blick gleich aus und ist es bei näheren Hinsehen dann doch nicht: Den Wüsten-Ginster gibt es wahlweise mit grünen oder silbern glänzenden Blättern sowie mit lila Blüten zu sehen – oder in Kombination von allem. Mit langen Schatten oder ohne. Die wandernde Sonne verändert nicht nur die wahrgenommenen Farben (so ist der mitgenommene weisse Wüstensand zu Hause plötzlich rötlich), sondern sorgt auch für Sinnestäuschungen: Da sieht man aus der Ferne mitten in der Wüste zwei schwarze Bergkegel aufragen und wundert sich, wie die wohl entstanden sein mögen. Steht man aber davor, sind die so sandfarben wie alles andere auch. Ausgetrickst, die Sonne war`s.
Die zweite Nacht

Noch bevor man sich richtig umschaut, ist der erste Tag auch schon verflogen. Wieder wird ein Lagerfeuer entzündet und diesmal heisst die klare Option für die nächste Nacht geschlossenes Einzelzelt. Auch die anderen ahnen Schlimmes: Wer in der Abendrunde keinen Schesch mehr trägt, hat ihn gegen eine warme Winterwollmütze eingetauscht. In Decken gehüllt sitzen wir da und schlürfen die wärmende Suppe und essen das frische Brot. Zuvor ging die Dose mit Kichererbsen herum. Die wird im Verlauf der nächsten Tage zum Ritual. Genauso wie die „Nachspeise“: Es gibt entweder Apfelsinen oder Datteln. Auf den täglichen Wechsel ist Verlass, auf mehr braucht man aber auch nicht hoffen. Unsere Begleiter holen ihre Trommeln hervor, stimmen für westliche Ohren ungewohnte Töne an. Man erfährt, wie man hierzulande den „Soundcheck“ für eine verstimmte Flöte durchführt. Sie wird einfach von beiden Seiten her kurz ins Feuer gehalten. Wer mag, tanzt eine kurze gemeinsame Runde mit ums Feuer. Für manche wird es ein kurzer Abend. Man erwartet schlimmes für die kommende Nacht. Mein Platz im Nomadenzelt ist bereits von einer „Nachrückerin“ besetzt. Selbst die „Rauhreif“-Fraktion trifft neue Sicherheitsvorkehrungen.

Auch diese Nacht wird wesentlich länger als jene, die man zu Hause verbringt. Aber am nächsten Morgen meint man, sich fast schon ein wenig an die Kälte gewohnt zu haben. Die „Draussen“-Schläfer geraten ins Schwärmen, ernten allerdings bei ihren Versuchen, die „Zelt-Schläfer“ für das nächtliche Sternenzelt zu begeistern, nur mitleidige und skeptische Blicke. Eine Teilnehmerin hat sich offenbar bereits leichtes Fieber eingefangen, schnupft und hüstelt herum. Gegen diese harten Fakten kommen die Argumente der „Draussen-Schläfer“ nicht an.
Die Tage kommen und gehen

Die nächsten Tage sind vom Ablauf her gleich strukturiert wie der erste. Nach dem „Frühstücksbufett“ (am fünften Morgen beginnt man dann doch das zu Hause einsam herumstehende Nutella-Glas herbeizuwünschen) folgen ca. 3 Stunden Reiten oder Gehen, danach ca. 1 ½ Stunden Pause zum Ausruhen, Herumstreifen, Lesen und Essen (meist ein frisch zubereiteter Salat), dann wieder ca. 2 Stunden Laufen oder Gehen, Herrichten des Lagers und des eigenen Zeltes, danach ausspannen oder auf individuelle Erkundungstouren gehen, schliesslich Lagerfeuer und Abendessen, die fremdartig anmutenden Trommelklänge der Kameltreiber. Auch wenn das Sitzen und Essen im abendlichen Rund auf dem Boden nicht allzu bequem ist, fehlt einem nichts. Man ist mit dem Nötigsten versorgt, was man braucht und das reicht. (Mal unter uns: Es können einem schon mal Gelüste nach einem saftigen Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat oder zumindest einer Curry-Wurst mit Pommes hochkommen. Aber die Lust auf solche kulinarischen Hochgenüsse verfliegt auch wieder, ehrlich…). Und es ist auch nichts Ungewöhnliches dabei, wenn man sich bereits früh am Abend ziemlich müde fühlt. Wer meint, solche scheinbar immergleichen Tage könnten langweilig werden, liegt völlig falsch und sollte vielleicht doch lieber Skifahren gehen. Es ist eher das Gegenteil der Fall: Irgendwann in dieser Zeit ertappt man sich bei der Vorstellung, das Leben könnte eigentlich endlos so weitergehen. Es sind magische und unspektakuläre Momente, die einem die Wüste ans Herz wachsen lassen. Wenn man zum Beispiel am frühen Abend das aufgebaute Lager verlässt, einen Dünenberg besteigt und von dort aus eine weite, weite Landschaft vor sich liegen sieht. Das nur wenige Minuten entfernt liegende Lager und die in der Nähe herumgrasenden Kamele werden immer mehr zu kleinen, sich bewegenden Punkten, sind nur noch Figuren in einer märchenhaften Landschaft , die nie aufzuhören scheint. Man sinniert, ob die Erde vielleicht doch nur eine Scheibe ist und nicht eine Kugel, wie gemeinhin vermutet. Und wenn dann auch noch der Wind aufhört, dann ist sie da, die grosse wohltuende Stille, die uns sonst in unserem Leben so häufig abgeht. Man vermeint ein leichtes Rauschen zu hören, ein Atmen der Landschaft. So paradox es klingt, aber es lässt sich nicht anders ausdrücken: In der Wüste ist die Stille hörbar.

Nicht nur die Wüste erschliesst sich einem immer wieder aufs Neue, auch das Zusammenleben innerhalb der Gruppe nimmt vertrautere Züge an. Wer zum Beispiel „schokoladesüchtig“ (so was soll es wirklich geben!) ist, irgendwann den letzten Müsli-Riegel aufgegessen hat und in dieser Notsituation von einer Mitreisenden Schokoriegel geschenkt bekommt, weiss erst jetzt, was mit dem abstrakten Begriff der Nächstenliebe tatsächlich gemeint ist. Oder wenn vor lauter Wind beim Aufbau die Zeltplane davonzufliegen droht und jemand packt unverhofft mit an, kommt Gemeinsinn auf und die Gruppe wächst ein Stück zusammen. Unsere Grippekranke erhält von allen Seiten diverse Mittelchen und zu den Genesungswünschen alle möglichen Tipps und Ratschläge. Und auch am abendlichen Lagerfeuer reihen sich immer mehr Tänzer ein, lassen sich auf den für westliche Ohren seltsamen „Wüsten-Blues“ ein, ohne das dies peinlich wirken würde.
Vom Verlorengehen in der Wüste

Der letzte Tag in der Wüste bringt dann doch noch unerwartete Herausforderungen mit sich. Bereits am Morgen pfeift ganz ungewohnt der Wind, die Sonne kommt nicht so recht heraus, der Himmel bleibt seltsam bewölkt. Jeder zieht sich den Schesch fester zusammen, denn der Sand wird in immer stärkeren Stössen vom Wind davon getrieben. Die majestätischen Sanddünen wirken bei fehlendem Licht nicht mehr sandfarben, sondern liegen seltsam weiss und düster dar. So geht es den ganzen Vormittag. Eine seltsame Stimmung breitet sich aus. Wüste ohne Sonne wirkt abweisend und fast schon bedrohlich. In den Pausen sucht man hinter den Kamelen einen windgeschützten Platz zur Rast. Als der Wind schliesslich für einige Zeit aussetzt, fällt etwas vom Himmel. Das kann doch nicht sein. Doch tatsächlich… es regnet. Der Sand ist voller schwarzer Punkte, so als hätte man ihn marmoriert. Das hält nicht lange an, macht auch nicht wirklich nass, hinterlässt aber einen bleibenden Eindruck. Regen in der Wüste, wer glaubt das schon zu Hause ? Das Wetter scheint sich zu bessern. Die abermals phantastische hohe Dünenlandschaft lädt in der Mittagspause zum lustvollen Flanieren ein. Immer die Karawane am Talgrund im Blick, weiss der fotobegeisterte Reisende nicht, was er zuerst knipsen soll. Jede Düne ist anders, überall gibt es neue vom Wind geschaffene Wellen, die Kunstwerke der Natur sind einfach unerschöpflich. Irgendwo ragen Baumstümpfe aus dem Sand, lugt bei der nächsten Erhebung grünes Buschwerk hervor, verführen Licht- und Schattenspiele. Und auf einmal ist es dann passiert: die rastende Karawane ist nicht mehr zu sehen. Kann nicht sein, denkt man, man muss bloss auf eine höher gelegene Düne steigen und schon hat man sie wieder in Blick. Funktioniert aber nicht. Dann eben die nächste Düne da oben. Funktioniert auch nicht. Verflucht, wo ist jetzt wieder Süden und wo Westen? Die fehlende Sonne vermag keine Orientierung zu liefern. Erst mal weiterlaufen und einfach schauen. Hilft aber auch nicht weiter, denn im (scheinbaren) Tal da unten ist weit und breit kein Leben zu sehen. Scharf nachdenken, nicht panisch werden. Natürlich: die eigenen Fussspuren zurückverfolgen. Das funktioniert auch, eine kurze Zeit lang – und dann sind die mir nichts dir nichts vom Sand verwischt. Verflucht. Natürlich wollte ich in der Wüste alleine sein, aber doch nicht so. Offenbar hilft nur lautes Rufen: „Hallo!“…“Haaalo!“ …„Haaaloo!“…”Hallohoho!”. Aber es bleibt still. Mich hört und sieht keiner. Das Gehirn fängt an zu arbeiten. Was geschieht mit jemandem, der sich in der Wüste verirrt hat? Spürhunde, die sonst die Witterung aufnehmen, sind hier nicht im Einsatz. Was passiert, wenn es Nacht wird und ich immer noch hier draussen gottverlassen herumirre ? Setzt man Hubschrauber mit Infrarotscheinwerfern ein oder was? Gestern erzählte uns unser Führer noch, dass er sich mal 48 Stunden in der Wüste verlaufen hatte und erst kurz vor dem Verdursten gerettet worden sei. 48 Stunden…verdammt, 15 Minuten davon sind bestimmt schon vergangen. Ich merke, wie ich anfange, Hirngespinste zu entwickeln. Da hilft nur Ruhe bewahren und systematisch vorgehen. Die einzelnen Richtungen ablaufen, auch die, die bestimmt nicht zum Ziel führen. Das wird die Rettung. Irgendwann sind in der Ferne Kamele zu sehen. Kamele…unsere Karawane!!!. Tatsächlich sehe ich die Gruppe beim Näherkommen bereit zum Mittagessen an einem Baum sitzen. „Habt Ihr mein Rufen gehört?“, frage ich abgehetzt und unheimlich erleichtert. „Nee. Warum hast Du denn gerufen?“. Nur einen eingeweihten Kreis vertraue ich mein Geheimnis an. Insgeheim bin ich aber froh, dass mich keiner der Gruppe gehört hat. Sich in der Wüste verlaufen und nach Hilfe rufen, also das ist ja hochnotpeinlich. Abends erzählt unser Führer von einem Teilnehmer einer früheren Reise, der sich nachts beim Pinkeln verlaufen hat und erst nach zwei Stunden des Herumirrens gefunden werden konnte. Ich schweige lieber und mische mich in die Kommentare anderer („Einfach unglaublich. Wie kann einem denn so was passieren?“) vorsichtshalber nicht ein…
Der letzte Abend in der Wüste

Der letzte Abend am Lagerfeuer verläuft ausgelassener als sonst. Die Trommeln wirbeln schneller und erstmals sind alle am Tanzen um die enge Feuerstelle, so dass man fast verglüht in der Hitze. Und es ist die letzte Gelegenheit, sich den Überredungskünsten der „Draussen-Schläfer“ zu stellen und auch das „Rauhreif-Programm“ endlich mal auszuprobieren. Immerhin ist es in den vergangenen Nächten wirklich viel „wärmer“ geworden, die Skimützen am Lagerfeuer sind längst abgelegt. Und es wird dann tatsächlich auch noch windstill. Auch wenn das Zelt schon vorsichtshalber aufgebaut ist, heisst es jetzt oder nie. Also jetzt. Und siehe da, es lässt sich aushalten. Und man nickt tatsächlich ein. Als man mitten in der Nacht aufwacht, ist der Himmel tatsächlich voller Sterne und die waren infolge Eintrübung am abendlichen Lagerfeuer sogar erstmals ausgeblieben. Wirklich schön. Man kann nur nicht so lange schauen, denn plötzlich ist wieder Wind aufgekommen und der pfeift einem mächtig in die Augen. „Schlafen“ funktioniert in dieser Nacht nur in einer Seitenlage. Wälzt man sich um, bläst einem der Sand nur so ins Gesicht. Aber das ist noch lange kein Grund, Zuflucht ins aufgestellte Zelt zu suchen. Solange es nicht schlimmer kommt und gar Regen vom Himmel fällt, kann man es schon irgendwie aushalten. Das Bedürfnis nach Bequemlichkeit muss zurückstecken, das kommt schon zu Hause wieder zu seinem Recht.

Nach einer weiteren „Schlaf“-Phase ist es schon fast hell. Die Haare sind trotz tief eingezogener „Bankräuber“-Gesichtsschutz-Mütze voller Sand, schon beim leichten Durchkämmen rieselt es nur so herunter. Der von den „Wüstenfüchsen“ angekündigte grandiose farbenprächtige Sonnenaufgang fiel diesmal leider aus. Aber was soll`s. Schön war`s trotzdem. Und es ist Zeit für den letzten Aufbruch.
Zurück in der „Zivilisation“

Der führt uns nach einer letzten Reit-Stunde zu einer Art menschlichen Behausung. Schon weitem sieht man drei kleine weisse Gebäude inmitten in der Wüste, die um einen Brunnen herum gebaut wurden. Aha, eine Fata Morgana, wie interessant. Aber nein, dort warten doch tatsächlich Jeeps auf uns. Es gilt, Abschied zu nehmen von unseren Kameltreibern und von unserem Tier, auf dessen Rücken wir fünf Tage lang sitzen durften.

Es folgt eine über zweistündige rumpelige Fahrt mitten durch ein ödes Brachland. Wir hätten gerne unsere Kamele wieder. Auf denen hat es auch geschaukelt, aber das war doch viel friedlicher. Aus dem Autoradio dröhnt arabische Musik. Musik – eine der vielen schönen Dinge des Lebens, ohne die wir in den letzten fünf Tagen auch so gut ausgekommen sind. Nach schier endloser Zeit in unseren Blechbüchsen kommt eine Palmenoase ins Blickfeld. Welch Grün, welche üppige Vegetation. Die Oasenstadt Douz wird erreicht. Für den Durchreisenden ist sie ein mittelgrosser Marktflecken, für uns hingegen erst mal der Zivilisationsschock. Strassenverkehr, Autogehupe, Passanten, Menschengewühl – was soll das? Wo kommen die alle plötzlich her, wo wollen die hin? Als wir an einem Restaurant den Jeep verlassen, kommen wir uns vor, als wären wir tagelang auf einem schwankenden Schiff bei stürmischer See gewesen und dürften nun wieder an Land. Mit leicht schwankendem Gang und einem unsteten Blick, der immer wieder aufs Neue abgelenkt wird, betreten wir wieder jene Welt, aus der wir vor fünf Tagen kamen. Es gibt plötzlich wieder so viel zu entdecken: Das Piepsgeräusch aus der Jackentasche unseres Fahrers erinnert uns an eine glorreiche technische Erfindung der Neuzeit, die so klein ist, dass man sie in die Hand nehmen kann. Und dann gibt es ja noch diese schönen bunten Scheine mit den Zahlen und der arabischen Schrift drauf, die man gegen eine Cola oder ein Mitbringsel eintauschen kann. In welchem Teil unseres Rucksacks ist eigentlich der dazu gehörige Geldbeutel verschwunden? Ach ja, die Uhr. Nach der könnte man allmählich auch wieder mal fahnden. Ein Kleinbus bringt uns in mehrstündiger Fahrt zurück auf die Insel Djerba. Unbewohnte, aber auch sehr schöne Landschaften ( z.B. die Lehmberge bei Matmata) ziehen an uns vorbei. Und auch die Gedanken an zu Hause werden wieder übermächtig: Ob es wohl in Deutschland schneit…?
Abschiede. Trennungen. Umarmungen.

Sobald alle im Hotel angekommen sind, laufen sämtliche Duschen erst mal auf Hochtouren. Würde man sämtlichen mitgeführten Sand der Reiseteilnehmer zusammenfügen, kämen sicherlich ein paar Kilo zusammen. Ein letztes gemeinsames Abendessen. Stiller als sonst. Jeder ist halb im Gedanken zu Hause, alle müssen am nächsten Tag gegen 4 Uhr morgens zum Abflug aufstehen. Unser Führer steht mit auf, bedankt sich bei der Gruppe für das Interesse an seiner Welt, den Austausch miteinander, bekommt von einer Reisenden eine Tafel Schweizer Schokolade (im nahezu ungeschmolzenen Zustand, denn im Gegensatz zu einer deutschen Schokolade hält die echt was aus) geschenkt. Jetzt bloss gleich losfahren, bevor einen die Rührung völlig übermannt. Am Flughafen bleibt die Gruppe auch nach dem Einchecken noch einige Zeit zusammen, man mag sich nicht verabschieden. Ist es endgültig so weit, werden Menschen spontan umarmt, die man gerade mal erst seit einer Woche kennt.
Was noch zu sagen wäre…

Während der Reise erzählte eine etwas ältere alleinreisende Teilnehmerin folgendes: „Ich wollte schon immer mal in die Wüste. Aber als ich die erste Nacht dort war, sind mir Zweifel gekommen und ich habe mich nur noch nach meinem warmen Bett und meinem Mann gesehnt. Aber jetzt bin auf einmal so froh, dass ich hier bin und möchte ich am liebsten gar nicht mehr weg.“ Ja, so ist das. Wüste macht glücklich.

Von Rainer Mesch, April 2008

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